Foto KARIN ALFREDSSON

Jens Andersen und Karin Nyman

Vimmerby - Der Nabel Skandinaviens

„Oh, friedvolle Kindheit im No-o-orden!”, brüllt die fünfjährige Lisabeth in Astrid Lindgrens Buch über „Madita”. Zusammen mit ihrer großen Schwester Madita ist sie im Schneegestöber mit dem Schlitten unterwegs nach Hause zu Mutter und Vater in Junibakken, nachdem die beiden Mädchen einen gefährlichen Ausflug auf dem glatten dunklen Eis des Flusses gemacht haben.

Wir alle, die wir im friedlichen Skandinavien leben, sollten eigentlich jeden Tag genauso laut und fröhlich wie Lisabeth singen. Wenn man sich vorstellt, dass man sich frei über die Landesgrenzen hinwegbewegen kann, ohne sich fremd oder unerwünscht zu fühlen. Wie nie zuvor arbeiten wir in unseren Nachbarländern, gründen dort Familien und mieten und kaufen Häuser. Nach außen hin sind wir zwar Schweden, Norweger, Dänen, Finnen und Isländer, aber ganz im Inneren – glaube ich – auch stolz auf unsere skandinavische Zusammengehörigkeit, die auf einer Lebensanschauung und einem Naturgefühl basiert, deren Wurzeln im Wechsel der Jahreszeiten auf der nördlichen Erdhalbkugel liegen. Alle durchleben wir den langen dunklen Winter, das wunderbar farbenfrohe Frühjahr und den kurzen intensiven Sommer mit den hellen Nächten an Seen und am Meer, in den Bergen, auf Feldern und Wiesen, in Wäldern und Städten.

Durch Astrid Lindgrens Bücher erleben wir dieses skandinavische Kulturerbe sehr intensiv. Das ist etwas, das Pippi Langstrumpf und die Kinder aus Bullerbü, Mio, Rasmus und Madita, Michel, die Brüder Löwenherz, Ronja und Birk seit mehr als einem halben Jahrhundert ausstrahlen und das wir Jahr für Jahr in Vimmerby mit Leben füllen. Nicht nur mit den vielen tollen und energischen Schauspielern von „Astrid Lindgrens Welt”, sondern auch durch das einzigartige Museumsambiente von „Astrid Lindgrens Näs” und die alten Straßen rund um den Marktplatz von Vimmerby, wo Astrid Lindgren als Kind Süßigkeiten gekauft hat und zum Markt gegangen ist, und später als junge Frau zum Tanz ins Stadthotel ging und gleich um die Ecke in der Straße Storgatan als Nachwuchsjournalistin gearbeitet hat.

Im Laufe des Sommers lernen Familien mit Kindern aus ganz Europa bei ihrem Besuch in Vimmerby etwas über die skandinavische Mentalität, Lebensart und Umgangsformen. Ein Kulturerbe, dessen Fundament das Verständnis für die Bedeutung von Kindern und Kindheit ist, um das wir vom Rest der Welt beneidet werden und das man gerne mit uns teilen würde, falls das möglich wäre. Denn das ist etwas, das alle Erwachsenen dieser Welt gemeinsam haben – unabhängig von den politischen und religiösen Überzeugungen – nämlich, dass wir alle mal Kinder waren und einen kleinen Rest davon unser ganzes Leben lang mit uns herumtragen.

Wenige Schriftsteller auf der Welt haben uns das so stark und eindringlich in Erinnerung gerufen wie Astrid Lindgren. Vor 100 Jahren war sie selbst Kind und ein junges Mädchen in Vimmerby. Sie ist auf dem Hof Näs aufgewachsen, wo ihre Eltern, Hanne und Samuel August, für ihre vier Kinder ein Heim geschaffen haben, das auf Liebe, Respekt und Toleranz beruhte. Und innerhalb dieses festen und sicheren Rahmens hatten Astrid, Gunnar, Stina und Ingegerd Unmengen von Zeit, um zu spielen und herumzufantasieren, nachdem die täglichen Pflichten erledigt waren.

Von ihrer glücklichen Kindheit in Näs hat Astrid Lindgren den Rest ihres Lebens gezehrt. Nicht zuletzt in ihren schweren und düsteren Augenblicken als Erwachsene. Die guten und schönen Erinnerungen an Småland waren eine unerschöpfliche Quelle für ein schriftstellerisches Werk, das in so viele Sprachen übersetzt wurde, dass es längst weltumfassend ist. Sehr viel besser als selbst die dicksten und klügsten Bücher über Kindererziehung lehren uns Pippi, die Kinder aus Bullerbü, Mio, Rasmus, Madita, Michel, Jonathan, Krümel, Ronja und Birk, wie man als Menschen miteinander umgeht, und worauf ein gutes friedvolles Leben immer beruhen sollte. Deshalb lesen wir Skandinavier weiterhin Astrid Lindgren und teilen sie mit dem Rest der Welt. Und deshalb pilgert eine Generation von Kindern nach der anderen mit den Erwachsenen nach Vimmerby - zum Nabel der Welt.

Text: Jens Andersen

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Siehe auch

Jens Andersen (geb. 1955), Ph.D. in skandinavischer Literatur und Verfasser der Astrid-Lindgren-Biografie „Astrid Lindgren. Ihr Leben”, die in Schweden, Dänemark, Norwegen und Deutschland erschienen ist und 2016 auch in Finnland, Holland, Frankreich und Russland auf den Markt kommt.